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Berufung, das ist die andere Seite meiner Freiheit

Foto: Ingeborg Ullrich

Foto: Ingeborg Ullrich

Mein Leben liegt immer noch vor mir, auch wenn ich schon einige Jahrzehnte gelebt, gearbeitet, geliebt, Enttäuschungen hingenommen, Niederlagen eingesteckt habe. Mein Leben ist mir zu meiner Gestaltung übergeben worden. Damit ich gestalten kann, musste ich erst Vieles lernen, die Sprache, mit anderen zu kooperieren, zu streiten und mich zu versöhnen, berufliche Qualifikationen und Politik, im Kleinen und im Großen. Das ist meine Freiheit. Sie ermöglicht nicht nur, zu wählen, was ich kaufen, wohin ich in Urlaub fahren will, sondern mit meinem Leben etwas zu machen.

Ich werde jemand – durch mein Leben
Schon das Baby will sich bewegen, die Umwelt erkunden, es will geliebt und geherzt sein. Das geht das ganze Leben so weiter. Ich bleibe das Zentrum meiner Aktivitäten. Indem ich mich bewege, mit anderen in Interaktion trete, etwas konstruiere, mich um jemanden kümmere, entwickelt sich meine Person. Ich werde der, den ich aus mir mache. Ich bin nicht nur meines Glückes Schmied, sondern forme aus meiner Freiheit heraus mich selbst, auch mit allen Kanten und Fehlern.

Wie finde ich heraus, wer ich werden soll?
Das Symbol für das, was aus mir werden soll, ist meine einmalige Iris – es ist mein einmaliger Blick auf die Welt, der mir zeigt, wo mein Leben hingehen soll. Ich kann nur selbst sehen, was aus meinem Leben werden soll. Das hat ein Ziel: Meinen einmaligen Fingerabdruck soll ich nicht nur bei der Meldebehörde hinterlassen, sondern bei denen, mit denen ich gelebt habe. Dabei können mir andere helfen, indem sie meinen Blick weiten, mich auf meine Fähigkeiten aufmerksam machen, mich fordern. Am meisten helfen mir Menschen, die entschlossen ihren Weg gehen, die sich durch Vorbehalte und Miesmachen nicht abbringen lassen. Denn ich brauche Motivation und Kraft, meinen Weg zu finden. Andere, die ihren Weg gehen, Machen mir Mut und ich partizipiere an ihrem Elan.

Querschläge sind wichtige Signale
Mit meiner Freiheit – mich zu einer Person formen: Das klingt logisch und lohnend. Schaue ich auf andere und mein eigenes Leben, dann führt jedoch selten eine gerade Linie zu diesem Ergebnis. Jede schlechte Note in der Schule ist ein schmerzliches Signal “So nicht!”. Ich kann in der Ausbildung, in dem Studienfach scheitern, von denen ich mir viel versprochen habe. Das Abschlusszeugnis ist erst der Anfang. Ich muss irgendwie “reinkommen”, man muss mir einen Platz geben.
Auf dem Weg bleiben mir heftige Konflikte nicht erspart. Obwohl ich davon ausgehe, dass es mir nicht passiert, dass andere mich ablehnen, mit mir nichts zu tun haben wollen, es gibt sie, die mir große Steine in den Weg werfen. Je mehr mein Erfolg absehbar ist, desto mehr Neid wecke ich und damit unerbittliche Feindschaft. Querschläger sind auch meine Krankheiten. Da die Medizin die Infektionskrankheiten weitgehend im Griff hat, bin ich auch meist selbst der Urheber von Herzinfarkt, Burnout und auch Krebs.

Erfahrungen auswerten
Ich muss nicht nur mit dem Spracherwerb, der Schule, mit Studium und Ausbildung meine Begabungen formen, sondern auch aus dem Leben selber lernen. Erst wenn ich mir die Eindrücke, die Beobachtungen, die Misserfolge ansehe, frage, wie es so gekommen ist, mich sozusagen mit meinem Leben unterhalte, formt sich meine Person noch einmal anders als durch die vielen Schulstunden, die Kurse und Ratschläge anderer. Ich handle dann nicht mehr bloß, weil es mir so in den Kopf kommt, sondern wäge ab, denke einige Schritte im Voraus. Ich bin dann für die anderen nicht wie ein scharfes Messer, sondern jemand, der mit verschiedenen Kräften umgehen kann, der Energien strukturiert, anderen Mut macht, der Verknotungen auflöst.

Das Ziel formt sich heraus
Ich soll mit meinem Leben etwas bewirken, Lebensräume gestalten, für andere eine Bedeutung gewinnen. Im Letzten geht es um mich selbst. Aus mir soll sich ein einmaliger Mensch herausformen. Der soll dann bleiben, nicht mehr der Zeit und ihrem Verschleiß unterworfen, sondern präsent in einer Gegenwart, die zugleich ewig ist.

Eckhard Bieger S.J.