Sie sind hier: {$rootlineLinkWrap}gebetsapostolat.de{$rootlineLinkWrap}Über das BetenMystik
DeutschEnglishFrancais

Höhe, Breite und Tiefe 

Brief an die Epheser, Kap. 3,17-21 

Durch den Glauben wohne Christus in eurem Herzen. In der Liebe verwurzelt und auf sie gegründet, sollt ihr zusammen mit allen Heiligen dazu fähig sein, die Länge und Breite, die Höhe und Tiefe zu ermessen und die Liebe Christi zu verstehen, die alle Erkenntnis übersteigt. So werdet ihr mehr und mehr von der ganzen Fülle Gottes erfüllt. 

Er aber, der durch die Macht, die in uns wirkt, unendlich viel mehr tun kann, als wir erbitten oder uns ausdenken können, er werde verherrlicht durch die Kirche und durch Christus Jesus in allen Generationen, für ewige Zeiten. Amen. 

Im 1. Korintherbrief beschreibt Pauls die unterschiedlichen Reaktionen auf das Kreuz: „Die Juden fordern Zeichen, die Griechen suchen Weisheit. Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für die Juden ein Ärgernis, für die Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen und das Schwache an Gott ist stärker als die Menschen.“ (Kap. 1,22- 25)


Mystik – Subjekt werden

Was hinter den Dingen, wie sie sich oberflächlich zeigen, liegt, ist geheimnisvoll, mystisch. Wie gelangen wir in diese Ebene der Wirklichkeit? Und sollten wir dort hin gelangen wollen? Eigentlich schon, denn es ist ja meine Wirklichkeit, auf der mein Leben aufruht. Wenn für jeden diese tiefere Wirklichkeit zugänglich ist, dann könnte jeder Mystiker werden. Was entdeckt man, wenn man dem christlichen Weg der Mystik folgt? 

Das Geheimnis des Kreuzes in Absetzung von den Mysterienkulten

Für die Christen ist Christus, der am Kreuz Hingerichtete und Auferstandene, das Mysterium. Ihn nicht nur von außen als einen Menschen mit einem politisch bedingten, tödlichen Schicksal zu sehen, sondern dass in seiner Hinrichtung und seiner Auferstehung das Heil geschenkt ist, das ist nicht selbstverständlich. Zwar hat sich Jesus durch die Kraft seiner Predigt und seine Heilungen in den Augen seiner Jünger als der Messias erwiesen. Seinetwegen haben sie alles verlassen und sind ihm gefolgt. Aber auch sie haben zuerst nicht verstanden, dass gerade im Tod seines Messias Gott die Menschen erlöst hat. Es bedarf also mehr als die Kenntnis von der Geburt, der Bergpredigt, den Heilungen, der Hinrichtung Jesu am Kreuz und der Botschaft der Auferstehung, um zu „verstehen“, wie Gott in dem äußeren Scheitern Jesu das Tor zum Himmel öffnet.

Dieses tiefere Verstehen vermittelt nach den Erfahrungen der ersten christlichen Generation der Heilige Geist. Ohne die tiefere Einsicht, die der Geist Gottes erschließt, bleibt die Gute Botschaft außen und dringt nicht in das Herz des Menschen. Das Verstehen erkennt aber nicht nur, dass Gott gerade im Schwachen stark ist, dass der ans Kreuz Geschlagene die Stärke Gottes offenbart, sondern noch tiefer die Liebe, die hinter dem ganzen Erlösungsgeschehen steht. Aus Liebe zu seinen Geschöpfen hat der Sohn das Leiden, die Schmähungen und die Folterung durch die Geißel auf sich genommen, um nicht durch Gewalt, sondern durch Liebe den Hass zu überwinden. Deshalb ruft Paulus die Christen in seinem Brief an die Epheser auf, die Höhe und Breite der Liebe Gottes zu erkennen. (s. rechte Spalte) 

Diese Erkenntnis ist uns anfanghaft schon gegeben, wenn wir einen Sonnenaufgang, eine Freundschaft, die Zuneigung eines anderen Menschen als Geschenk erleben. Es müsste ja alles nicht sein, auch wir „müssen“ nicht da sein. In manchen Momenten unseres Lebens erkennen wir, dass uns nicht nur die Welt, die Luft zum Atmen, die Sonne wie auch die Zuneigung eines anderen Menschen geschenkt sind, sondern dass sogar mein Leben ein Geschenk ist, ja sogar, dass ich mir geschenkt bin. Haben wir diese Einsicht einmal erhalten, verändert das unser Grundgefühl, mit dem wir durch das Leben gehen. Auch wenn das Viele, das wir täglich zu erledigen haben, diese Erfahrung überdeckt, wir kehren zu ihr zurück, weil sie unter unseren alltäglichen Pflichten mitfließt. Wenn uns dieser tiefere Blick für unsere Existenz gegeben wurde, haben wir bereits eine mystische Erfahrung gemacht. Vielleicht ist es diese tiefe Erfahrung, die im Buddhismus gesucht und in der Meditation gefunden wird. Wie gelangen wir aber zu einer tieferen Erfahrung. 

Erfahrung Gottes 

Als Kind hören wir von Gott. Die Bibel macht uns mit ihm bekannt. Wir spüren aber auch im Anspruch des Gewissens, dass es eine Instanz gibt, die uns unbedingt fordert. Schon als Kind ahnen wir, dass es eine höchste Macht gibt, die über unserer Welt steht und nicht den Gesetzen der Physik, der Chemie und der Biologie unterliegt. Gott klopft meist wie eine Stimme in unserem Leben an. Oft wehren wir uns gegen diese Stimme. In der Jugend, wenn wir unsere Freiheit entdecken, wenden wir uns nicht nur gegen die Forderungen der Erwachsenen, sondern auch gegen diese Stimme, die innen in uns spricht und uns einfordert. Wenn wir unser Leben dann in die eigene Hand genommen haben und nicht mehr rebellieren müssen, können wir uns neu auf Gott einlassen. Nicht wenige Menschen erfahren im Erwachsenenalter Gott neu. Diese Erfahrungen bestehen nicht einfach darin, dass man die Forderungen, die die innere Stimme an die eigene Lebensführung stellt, wieder ernster nimmt, sondern viele machen eine tiefere Erfahrung. Weil diese Erfahrungen schwer in Worte zu fassen sind und weil die Umwelt meist mit Unverständnis und vielleicht sogar Spott reagiert, reden die meisten nicht von diesen Erfahrungen. Hape Kerkeling hat in seinen Aufzeichnungen vom Jakobsweg von einer solchen Erfahrung berichtet. Er beschreibt die Erfahrung selbst nicht, sondern dass er an einem Tag einfach nur gegangen ist, er hatte die Wegmarkierungen nicht mehr im Blick, er geht nur noch, ohne in Sorge zu sein, den richtigen Weg zu finden. Er schreibt: „Und als ich meinen Kopf wieder einschalte, bin ich irgendwann einfach irgendwo.“  Im Rückblick heißt es „Meine Erkenntnis des Tages kann ich erst morgens (d.h. am nächsten Tag) formulieren. Denn sie ist eigentlich unsagbar. Ich habe Gott getroffen.“ Im Rückblick schreibt er: „Doch was ich gestern erleben durfte, kann ich weder erzählen noch aufschreiben. Es bleibt unsagbar. Schweigend, ohne jeden Gedanken zwölf Kilometer zu laufen, kann ich jedem empfehlen. …. Um Gott zu begegnen, muss man vorher eine Einladung an ihn aussprechen, denn ungebeten kommt er nicht. Auch eine Form von gutem Benehmen. Wir haben die freie Wahl. Zu jedem baut er eine individuelle Beziehung auf. Dazu ist nur jemand fähig, der wirklich liebt.“ (Hape Kerkeling, Ich bin dann mal weg. Meine Reise auf dem Jakobsweg, München 2006, S. 238, 240f) 

Erfahrung der Liebe und Begegnung mit Jesus

Gott wird als ein Liebender erfahren. Die Sprache, die viele Mystikerinnen und Mystiker, so auch Mechthild von Magdeburg, http://www.mit-beten.net/de/mechthild-von-magdeburg/ für ihre mystischen Erfahrungen findet, ist die des großen Liebesgedichtes im Alten Testament. In dem Hohen Lied schildert eine Frau ihre Liebe zu ihrem Verlobten. Schon die Juden haben den Gedichtzyklus als Ausdruck der Beziehung Gottes zu seinem Volk gelesen. In der mittelalterlichen Theologie wurde die Lehre von Kirche als Kommentar zum Hohen Lied geschrieben. Jedoch prägt die Bibel nicht nur deshalb die christliche Mystik, weil sie im Hohen Lied den mystischen Erfahrungen eine Ausdrucks­möglichkeit eröffnet, sondern weil die Beterinnen und Beter in den Schriften der Bibel Jesus begegnen können. Weil die Mystik eine Erfahrung der Liebe ist, führt sie zu dem, der aus Liebe den Menschen erlöst hat. In den Briefen des Johannes wird das immer wieder gesagt und die Szenen, die dieses Evangelium aus dem Leben Jesu beschreibt, führen die Menschen des Mittelalters zu einer Christus-Minne. Die Aufzeichnungen der Mechthild von Magdeburg sind eines der wichtigsten Zeugnisse dieser großen mystischen Liebesbewegung des Mittelalters. Die Tagebücher der Gertrud von Helfta haben den Titel „Gesandter der göttlichen Liebe.“  

Von Gott berührt werden 

Menschen, die Zugang zu der tieferen Wirklichkeit finden, fühlen sich in ihrem Inneren berührt. Berührt werden sie vom Geist Gottes, der ihnen einen neuen Blick auf Jesus eröffnet. Vergleichbar ist dies mit der Liebe. Ich kann viele Worte hören, die ein anderer Mensch mir sagt. Es ist ein weiterer Schritt, wenn mich diese Worte innen berühren, ich die Liebe des anderen entdecke und auf sie antworten kann. In den Aufzeichnungen der Mystiker, wird das innere Berührtwerden als Liebe erfahren und in Liebe beantwortet.  

Subjekt werden

Die innere Erfahrung baut den „inneren Menschen“ auf. Er ist nicht nur Hörer, der die Botschaft entgegennimmt, sondern er, sie fühlen sich in der Erfahrung persönlich gemeint. Von Gott persönlich angesprochen werden, das macht die Person von innen her stark. Der Glaube ist nicht mehr nur durch andere Menschen bezeugt und damit gewährleistet, sondern in der Erfahrung wird das Ich selbst zum Glaubenden. Damit wird es unabhängig von menschlichen und auch kirchlichen Autoritäten. Wie viele große Beter und Berinnen gewann Mechthild eine eigene Urteilskraft, um über Glaubensdinge zu urteilen, sie bildet sich selbst eine Meinung, sie sagt, wie schon vor ihr Hildegard von Bingen, was recht und was schädlich für die Kirche ist. Ein weiterer Schritt, ihre Eigenständigkeit zu entwickeln, ist das Aufzeichnen der mystischen Erfahrungen. Nur weil Mystiker und Mystikerinnen ihre Erfahrungen anderen mitgeteilt oder selbst aufgeschrieben haben, sind sie uns zugänglich.

Zu diesem Heil sind nicht einige wenige berufen, z.B. die Menschen, die von Abraham abstammen oder deren Eltern schon katholisch waren, sondern jeder Mensch und gerade der, der viel Schuld auf sich geladen hat. Von diesem Geheimnis ist bereits im Neuen Testament die Rede. Im Brief an die Epheser heißt es: „Durch den Glauben wohne Christus in eurem Herzen. In der Liebe verwurzelt und auf sie gegründet, sollt ihr zusammen mit allen Heiligen dazu fähig sein, die Länge und Breite, die Höhe und Tiefe zu ermessen und die Liebe Christi zu verstehen, die alle Erkenntnis übersteigt. So werdet ihr mehr und mehr von der ganzen Fülle Gottes erfüllt.“ Kap. 3, 17-19 

Visionen und Auditionen 

Im Neuen Testament wird bereits von besonderen Erfahrungen, von Visionen und Auditionen (Hörerfahrungen) berichtet. Petrus hat in Joppe eine Vision. Er sah ein Tuch vom Himmel herabkommen, in dem für Juden unreine Tiere zu sehen waren. Petrus sah die Vision als Hinweis, dass die aus dem Heidentum kommenden Christen den Speisevorschriften des mosaischen Gesetzes nicht unterworfen sein sollten. Paulus hat auf dem Weg nach Damaskus eine Lichterfahrung. „Unterwegs aber, als er sich bereits Damaskus näherte, geschah es, dass ihn plötzlich ein Licht vom Himmel umstrahlte. Er stürzte zu Boden und hörte, wie eine Stimme zu ihm sagte: Saul, Saul, warum verfolgst du mich? Er antwortete: Wer bist du, Herr? Dieser sagte: Ich bin Jesus, den du verfolgst. Steh auf und geh in die Stadt; dort wird dir gesagt werden, was du tun sollst. Seine Begleiter standen sprachlos da; sie hörten zwar die Stimme, sahen aber niemand.“ Apostelgeschichte 9, 3-7 

Im Laufe der Christentumsgeschichte berichten in jeder Generation Menschen, dass sie besondere Erfahrungen gemacht haben. Galt die Bezeichnung „Mystiker“, als sich der Begriff in der alten Kirche entwickelte, allen Getauften, wird er heute nur den Menschen zuerkannt, die außergewöhnliche religiöse Erfahrungen gemacht haben. Inzwischen werden mystische Phänomene sogar medizinisch untersucht. Das liegt deshalb nahe, weil Psychiater solche Visionen als psychische Störungen oder Halluzinationen erklären. Um diese Hypothese zu überprüfen, wurden die Kinder, die in Medjugorje regelmäßig Marienerscheinungen hatten, von Ärzten der Universitätsklinik Montpellier untersucht. Es wurden sogar die Gehirnströme gemessen. Es konnten keine Abweichungen von der Normalität beobachtet werden. Außergewöhnlich war, dass die Kinder und Jugendlichen während der Vision ohne Schmerzempfindung waren. Auch nahmen sie, wenn sie in der Vision Stimmen hörten, keine Außengeräusche wahr. „Durch die stereotypen Deutungsmuster der Hysterie oder durch eine andere krankhafte Persönlichkeitsstörung, (z.B. dissoziative Störungen) sind die beschriebenen paranormalen Phänomene durch die heutige wissenschaftlich geprägte Medizin nicht voll zu erklären. Hysterie  bzw. Betrug sind mit großer Wahrscheinlichkeit auszuschließen: die jungen Leute sind psychophysisch „normal“, d.h. an Leib und Seele gesund. Das zeigen auch die weiteren Lebensverläufe.“ (s. Ulrich Niemann, Marion Wagner, Visionen, Werk Gottes oder Produkt des Menschen? Regensburg  2005, S.110)

Eckhard Bieger S.J.