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Frieden und Güte

 

 

Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung; dem allem widerspricht das Gesetz nicht. Alle, die zu Christus Jesus gehören, haben das Fleisch und damit ihre Leidenschaften und Begierden gekreuzigt. Wenn wir aus dem Geist leben, dann wollen wir dem Geist auch folgen. Wir wollen nicht prahlen, nicht miteinander streiten und einander nichts nachtragen. 

Galaterbrief 5, 22-26 

 

 

Feindesliebe

 

 

Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. 

Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden? 

Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist. 

Matthäus 5, 44-48

 

 

Beten kann man lernen

Beten hat etwas mit Üben zu tun. Ignatius von Loyola nennt seine Gebetsschule Exerzitien, d.h. Üben. Man kann Gebete in ihrem Wortlaut auswendig lernen, so das Vater Unser, auch größere Gebete wie den Rosenkranz oder das Stundengebet kann man lernen. Das ist mit dem Erlernen einer Fremdsprache vergleichbar und hat den gleichen Effekt. Hat man die Sprache gelernt und sie auch gesprochen, geht es sehr viel leichter. Mit den neuen Erkenntnissen der Hirnforschung verstehen wir besser, wie Lernen funktioniert. Das lässt sich auch auf das Beten-Lernen anwenden. 

Die Nervenzellen müssen mitspielen 

Die neueren Erkenntnisse über die Vorgänge im Gehirn zeigen, dass jede Bewegung, die Beherrschung einer Sprache, jeder philosophische Gedankengang eine Basis in den Nervenzelle hat. Auch wenn in unserem Gehirn das meiste noch unerforscht ist, kann man doch sagen, dass die Verknüpfung von Nervenzellen entscheidend für die Leistung des Gehirns ist. An der Sprache lässt sich das gut aufzeigen. Ein Kind kann jede Sprache lernen, ihre Satzmelodie und nach den grammatischen Regeln der Sprache Sätze zu bilden. Hat es seine Muttersprache gelernt, dann ist es festgelegt. Wenn ein Japaner später Deutsch lernt, ein Deutscher Englisch, bleibt das Sprachmuster wie auch die Formung der Laute auf die Muttersprache bezogen. Denn das Erlernen einer bestimmten Sprache hat zur „Verdrahtung“ bestimmter Nervenzellen geführt, die sich nicht mehr so leicht auflöst. Wir lernen Krabbeln, Gehen, sprechen, Rechnen, philosophisch Denken, indem zwischen einzelnen Nervenzellen sog. Dendriten wachsen. Das gilt genauso für das Beten. deshalb erfordert Beten auch Training. Die Vernetzung der Gehirnzellen erklärt allerdings nur, was sich im Gehirn verändert, nicht, was wir tun, wenn wir denken, einen anderen Menschen lieben oder hassen oder eben beten.   

Beten lernen heißt Leben lernen 

Wie ich über den Sinn des Lebens nachdenke, einem anderen Menschen Treue verspreche, mich einer Aufgabe stelle, mich ehrenamtlich engagiere, so hat auch das Beten mit mir als Person zu tun. „Es betet“ nicht in mir, sondern ich bete. Im Gebet werden meine Hoffnungen, meine Ängste Thema, ich komme zu Gott, um über meine Schuld zu sprechen, ich teile ihm meine Sorgen mit, ich vertraue ihm die Menschen an, für die ich bitte. Je mehr ich vom Leben kenne, je mehr ich mich kenne, je mehr ich mich engagiere, mich „ins Zeug lege“, desto leichter fällt mir das Beten.

Aber auch das Beten wirkt auf mein Leben ein. Wenn ich meine Erfahrungen vor Gott bringe, für das Gelungene danke, für andere bitte, meine Schuld ausdrücke, desto lebendiger werde ich. Es ist wie in einer Freundschaft. Wenn ich einen Menschen habe, mit dem ich über das Wichtige, das Schwierige reden kann, gelingt mein Leben eher als wenn das Gute, das Misslungene, das Heikle unausgesprochen bleibt. Beter werden in den Fragen des Lebens sprachfähig. 

Beten heißt, Gott mehr kennenzulernen 

Wer betet, richtet seine Wort, sein Lied an Gott. Das Gebet bleibt nicht ohne Antwort. Der Geist Gottes bewegt unser Inneres. Paulus beschreibt die Wirkung des Geistes in uns. Er bewirkt Frieden, nimmt uns die Angst, lässt uns sensibler für andere werden. Er nimmt uns die Angst und stärkt den Glauben, dass auf uns eine himmlische Existenz wartet. Beten führt mich in ein größeres Vertrauen, dass mein Leben gelingt. Denn wenn ich mit meinem Leben vor Gott trete, dann ist es nicht wie bei einem Fahrkartenschalter oder eine Supermarktkasse. Da geht es nur um ein Fahrt oder die Lebensmittel für die nächsten Tage. Vor Gott geht es um mein ganzes Leben.

Ich erfahre auch, dass Gott mich ganz persönlich meint. Das geschieht umso mehr, je mehr ich dem Geist in mir Raum gebe. Gott begabt mich mit seinem Geist, damit ich Gesprächspartner für ihn werden kann. Paulius erklärt das im Brief an die Römer so: 

"So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können. Und Gott, der die Herzen erforscht, weiß, was die Absicht des Geistes ist: Er tritt so, wie Gott es will, für die Heiligen ein." 

Kap. 8, 26-27  

Beten heißt lieben lernen 

Wie in einem Gespräch mit einem Freund, einer Freundin lerne ich die Sichtweise des anderen mehr kennen. Ich sehe die Welt mit anderen Augen. Das brauche ich manchmal dringend, wenn ich z.B. in einen Konflikt verwickelt bin oder mit meiner Aufgabe nicht weiter komme. Wenn ich bete, lerne ich die Sichtweise Gottes kennen. Vor allem lerne ich, dass er alle Menschen im Blick hat und das Heil aller will, auch meiner Feinde. Jesus sagt lapidar: „Gott lässt über Gute und Böse regnen.“ Mit dem Blick Gottes lerne ich auch die Menschen anders sehen. Dass wir zusammen gehören und nur gemeinsam die menschliche Geschichte zu einem guten Ende bringen. Und dass eigentlich nur die liebe lohnt, nämlich den anderen in seiner Entwicklung, in seinen guten Seiten zu sehen. 

Eckhard Bieger S.J.