- 1: Wochenimpuls.
- 2: Foto-Impuls.
- 3: Mit Kindern beten.
- 4: Über das Beten.
- 5: Beten konkret.
- 6: Ignatianisch beten.
- 7: Schönstatt.
- 8: Gebetsapostolat.
- 9: Beten Postmoderne.
- 10:
Mechthild von Magdeburg.- 10.1: Kraft des Gebetes.
- 10.2: Um die Wahrheit bitten.
- 10.3:
Religiöse Biographie. - 10.4: 14 Tipps für ein christliches Verhalten.
- 10.5: Über das Stundengebet.
- 10.6: Gespräch mit Gott.
- 10.7: Gebet zu Maria.
- 10.8: Das Tagebuch.
- 10.9: Geistlicher Ratgeber.
- 10.10: Mechthilds Herkunft.
- 10.11: Ihr letztes Gebet.
- 11: Gebete.
- 12: Gebetskarte.
Religiöse Biographie
Das zweite, „autobiographische“ Kapitel in Buch IV des „Fließenden Lichtes der Gottheit“ ist sehr ungewöhnlich, wenn man es im Zusammenhang des ganzen Buches betrachtet. Denn Mechthild sagt hier ausdrücklich vieles über sich selbst. Das ist auffällig, weil sie sonst kein Aufhebens um ihre Person macht. Doch warum stellt sie sich hier in den Mittelpunkt? Eine genaue Lektüre dieses Kapitels gibt darüber Aufschluss.
All meine Lebtage, bevor ich dieses Buch begann und bevor ein einziges seiner Worte von Gott in meine Seele kam, da war ich einer der einfältigsten Menschen, die jemals in geistlichem Leben waren. Von des Teufels Bosheit wusste ich nicht, die Krankheit der Welt kannte ich nicht, der Falschheit geistlicher Menschen war ich auch unkundig. Ich muss sprechen, um Gott zu ehren, und auch wegen der Lehre dieses Buches. (FLG IV, 2)
Mit diesen knappen Eingangsworten stellt sich Mechthild in ihrer Persönlichkeit vor, und das auf zweierlei Weise. Bedeutsam ist zunächst das an erster Stelle genannte und damit auffällige Hervorheben ihres Buches mit dem Hinweis auf die Worte Gottes, die sie dafür empfangen hat. Erst dann charakterisiert sie, erst an zweiter Stelle, sich selbst als einfältigen Menschen, der nichts über das Böse, die Welt und die Unwürdigkeit von Menschen im geistlichen Stand weiß. Diesen Zustand der allgemeinen Unwissenheit lokalisiert sie vor ihrer lebensentscheidenden Begegnung mit Gott. Ihre Unwissenheit liegt vor ihrer Gottesbegegnung – daraus ist zu schließen, dass sie danach zu ihrer theologischen Bildung gekommen ist.
Es wird deutlich, dass Mechthild sich hier gegen Vorwürfe wehrt, die ihrem Buch und ihr selbst gegenüber vorgebracht worden sind. Welche das sind, sagt sie nicht ausdrücklich, sie lassen sich aber aus dieser signifikanten Einleitung erschließen: Es sind Angriffe gegen ihr Buch und gegen sie selbst, der Vorwürfe wegen ihrer Ungelehrtheit, ihres vermeintlichen Unwissens in theologischen Fragen gemacht werden. Im nächsten, unvermittelt folgenden Satz formuliert sie ihr Lebensthema, das Reden von Gott um seiner Ehre willen und das aktive Sich-Einsetzen für die Lehre, die ihr Buch über das Verhältnis von Gott und den Menschen enthält. Für Mechthilds Existenz bestimmend ist der Lobpreis Gottes und die Verbreitung dessen, was Er ihr offenbart – das macht ihr Leben aus, darin findet es seine Erfüllung. Erst nach dieser „zusammenfassenden Einleitung“ erzählt sie konkret von sich selbst, teilt aber keine biographischen Einzelheiten über ihre Herkunft, ihren Stand und Beruf mit, sondern berichtet von der entscheidenden Begegnung ihres Lebens, die in frühen Jahren ihrer Kindheit stattgefunden hatte:
Ich unwürdige Sünderin wurde in meinem zwölften Lebensjahr, als ich allein war, so überströmend vom Heiligen Geist gegrüßt, dass ich mich zu keiner lässlichen Sünde schwerer Art mehr bereit finden konnte. Der überaus liebe Gruß wurde mir täglich zuteil und verleidete mir mit seiner Liebe die Süßigkeit der ganzen Welt – und er wächst noch stärker von Tag zu Tag. So geschah es während mehr als einunddreißig Jahren.
Mechthild ist zwölf, als der Heilige Geist sie „grüßt“. Mit diesem Wort macht sie deutlich, dass die Initiative zur Begegnung von Gott ausgeht, nicht von ihr. Mit dem Begriff „grüßen“ wird mitgesagt, dass die Mechthild von Gott eröffnete Beziehung eine personale ist, Gott zeigt sich ihr „als Person“. Diese Begegnungen ereigneten sich nun während einunddreißig Jahren täglich. [1] Ihre hier beschriebene Gotteserfahrung ist so überwältigend, dass sie ihr Leben ändert und keine Sünden mehr begehen will. Mechthild ist so ganz und gar von Gott ergriffen, dass sie sich nur auf Ihn hin ausrichtet, deshalb bedeuten ihr die Welt und ihre Annehmlichkeiten, die Süßigkeit, nichts mehr. An ihnen kann sie kein Genügen mehr empfinden. Wie ungewöhnlich sie die Tatsache empfindet, dass Gott gerade sie auserwählt hat, die nur ein geringes Wissen vom Glauben hat, erzählt sie im Anschluss an diese Passage:
Ich wusste von Gott nicht mehr als die christlichen Glaubenswahrheiten, aber ich bemühte mich stets, mein Herz rein zu halten. Gott selbst ist mein Zeuge dafür, dass ich ihn nie, weder willentlich noch mit (heimlichem) Verlangen darum bat, er möge mir die Dinge offenbaren, die in diesem Buch aufgezeichnet sind. Ich hätte auch nie gedacht, dass Menschen so etwas geschehen könnte. Solange ich bei meinen Verwandten und bei meinen Bekannten lebte, denen ich immer ganz besonders lieb war, wusste ich von diesen Dingen nichts.
An dieser Stelle wird deutlich, dass Mechthild vor ihrer Begegnung mit Gott nicht mehr als eine Durchschnittschristin war, die lediglich die allgemeinen Glaubenswahrheiten kannte. In ihrem Bemühen, ihr Herz rein zu halten, lässt sich jedoch der Wunsch nach einer tieferen Beziehung zu Gott erkennen. Entschieden erklärt sie, dass sie selbst niemals den Wunsch hatte, von Gott Offenbarungen zu erhalten und ruft ihn dafür selbst als Zeugen an, um ihre Aussage zu beglaubigen und nochmals zu betonen, dass die Initiative zum Verfassen des „Fließenden Lichtes der Gottheit“ von Gott selbst ausgegangen ist. Mehr noch, es war völlig außerhalb ihres Vorstellungsvermögens wie dem ihres angestammten Lebensumfeldes, dass Gott sich überhaupt einem Menschen in solcher Weise, wie es ihr widerfahren ist, zeigen kann.
Nun war es schon seit langer Zeit mein Wunsch gewesen, ohne eigene Schuld erniedrigt zu werden. Da begab ich mich aus Liebe zu Gott an einen Ort, wo ich keinen Freund hatte außer einem einzigen Menschen. Wegen dieses einen hatte ich Angst, dass mir die fromme Erniedrigung und damit die lautere Gottesliebe nicht zugestanden würden. Aber Gott ließ mich nirgends allein und führte mich in so beseligende Süßigkeit, in so heilige Erkenntnis und in so unfassbare Wunder, dass mir die irdischen Dinge völlig fremd wurden.
Mechthild verlässt ihre Heimat um eines Freundes willen, den sie nicht näher bezeichnet. Sie geht in die große Stadt an der Elbe, wo sie als Begine lebt und sich, wahrscheinlich in einem Beginenhof mit gleich gesinnten Frauen lebend, der Armen und Kranken annimmt. Geistlich betreut werden sie von Dominikanern, namentlich von Heinrich von Halle. Mechthild fürchtet sich aber davor, in der Fremde in ihrem Bemühen um Gott nicht ernst genommen zu werden, doch, so stellt sie fest, Gott ließ sie nicht allein. Sie erfährt ihn in unfassbarer Innigkeit, so dass ihr alle weltlichen Dinge „völlig fremd“ wurden, wieder ein Hinweis auf ihre ganz auf Gott gerichtete Existenz. Sie erfährt diese Nähe zu Gott so:
Zuerst wurde mein Geist aus dem Gebet gerissen und zwischen den Himmel und die Luft entrückt. Da sah ich mit den Augen meiner Seele in himmlischer Herrlichkeit die Menschennatur unseres Herrn Jesus Christus in ihrer Schönheit, und ich erkannte in seinem erhabenen Antlitz die Heilige Dreifaltigkeit, die Ewigkeit des Vaters, das Leiden des Sohnes, die Liebe des Heiligen Geistes. Da sah ich den Engel, dem ich in der Taufe anbefohlen worden war, und meinen Teufel. Da sagte unser Herr: „Ich will dir diesen Engel nehmen und will dir dafür zwei geben; die sollen sich deiner annehmen bei dem, was dir Wunderbares widerfährt.“ Als die Seele diese zwei Engel ansah – o, wie heftig erschrak sie da in ihrer demütigen Schwachheit und sie neigte sich auf die Füße unseres Herrn und dankte ihm und klagte gar sehr, sie sei dessen ganz unwürdig, dass solche Fürsten ihre Kämmerer sein sollten. Der eine Engel war ein Seraph; er glüht in Liebe und ist ein heiliger Leuchter für die zärtlich geliebte Seele. Der andere Engel war ein Cherub; er ist ein Bewahrer der Gaben und Ordner der Weisheit in der liebenden Seele.
Die Begegnung mit Gott ereignet sich aus dem Beten heraus. Mechthild kann sich dabei Gottes nicht erwehren – das besagt der Ausdruck, sie sei aus dem Gebet „gerissen“ worden, was die Aktivität einer unwiderstehlichen Macht bezeichnet. Sie erfährt hier Gott als Dreifaltigkeit – wie es in ihrem Buch fast immer der Fall ist. Damit sie das Wunderbare, das sich mit ihr und Gott ereignen soll, erfahren und beschreiben kann, gibt Gott ihr zwei Engel als Beistand zur Seite, die ihren Taufengel als Begleiter ablösen. Das ist Ausdruck dafür, dass Mechthilds „bisherige ‚normale’ christliche Existenz unter der Obhut eines Schutzengels, wie sie jedem Getauften zuteil wird, auf göttlichen Befehl hin abgelöst wird von einem Leben, das bestimmt wird von extremer Gefährdung, aber auch von besonderer göttlicher Zuwendung.“ Mechthild weist auf ihre Unwürdigkeit hin, Gottes Gnade zu erhalten und betont den großen Abstand zwischen ihr, den Engeln und Gott. Aber es sind nicht nur Engel, mit denen sie Bekanntschaft macht, sondern auch Teufel:
Dann ließ unser Herr zwei Teufel erscheinen. Die waren tüchtige Meister und waren durch Luzifers Schule gegangen, aber noch nie hervorgetreten. Als die Seele diese ganz und gar grauenvollen Teufel ansah, durchfuhr sie ein kleiner Schrecken, aber sie vertraute auf unseren Herrn und nahm sie trotz allem sehr bereitwillig an.
Mit ihrem Vertrauen auf Gott und seiner Hilfe wird Mechthild die Versuchungen der Teufel bestehen. Diese Anfechtungen schildert sie in einer langen Passage. Doch warum beschreibt Mechthild die Begegnung mit dem Teufel, der Personifikation des Bösen, so ausführlich in diesem biographischen Bericht? Weil auch dies, die Auseinandersetzung mit dem Bösen, wie ihr Buch als Ganzes zeigt, zu ihrem Lebensthema gehört. Im „Fließenden Licht der Gottheit“ beschreibt sie die vielen Masken, unter denen das Böse den Menschen zu Fall bringen will. Im Verlauf dieses zweiten Kapitels von Buch IV zeigt Mechthild nun den ersten Teufel, einen „Betrüger in schönem Engelsgewand“. Sogar während einer Messe in der Kirche will er, in der Verkleidung als Gott, den Menschen von Gott abbringen. Um sie zu betören, will der Teufel Mechthild sogar selbst anbeten. Doch sie durchschaut ihn, sie geht dem Bösen nicht auf den Leim, sondern stellt ihn zur Rede. Auf seine Anmaßung hin, Gott zu sein, verweist sie auf die Hostie, in der Gott gegenwärtig ist. Mit seiner Hilfe, die der Teufel als „Zaubermacht“ bezeichnet, kann sie ihm widerstehen – auch das eine Einsicht, die sie immer wieder von den Lesern ihres Buches anmahnt. Dann zeigt sie den zweiten Teufel:
Der andere Teufel, der mir beigegeben wurde, das war ein Friedensbrecher und ein Meister der verborgenen Unkeuschheit. Aber Gott hat ihm verboten, jemals selbst zu mir zu kommen. Er schickt mir jedoch unaufrichtige Menschen als Boten, die mir Gutes zum Schlechten wenden und mir, soweit sie können, durch Gerede meine Ehre nehmen. Auch brüstet er sich damit: Wo gute Leute zusammen sind und unnütze Dinge in unkeuscher Weise sagen, da könne ich Arme davon nicht unberührt bleiben; das geschah mir bis dahin nie.
Dieser Teufel darf Mechthild nicht selbst ansprechen. Das hat er auch nicht nötig, denn statt seiner schickt er böse Menschen, „die wie Engel scheinen“. Mit der Beschreibung ihrer Auseinandersetzung mit den beiden Teufeln will Mechthild darstellen, dass sie ganz auf Gott vertraut und unanfechtbar durch das Böse ist. Damit will sie unterstreichen, dass sie nicht außerhalb der Kirche steht. Danach fährt sie in ihrer biographischen Beschreibung fort:
Ich unseliger Mensch hatte in meiner trübesten Jugend so schwer gesündigt, dass ich, hätte ich nicht bereut und gebeichtet, zehn Jahre im Fegefeuer hätte zubringen müssen. Jetzt, lieber Herr, will ich, wenn ich sterbe, aus Liebe zu dir bereitwillig noch länger darin leiden. Dies sage ich nicht aus kluger Überlegung – die Liebe treibt mich dazu. Als ich mich für ein geistliches Leben entschied und von der Welt Abschied nahm, da sah ich meinen Leib an; da war er eine einzige Waffe, auf meine arme Seele gerichtet, mit der ganzen Fülle seiner starken Macht und mit ungebrochener natürlicher Kraft. Da begriff ich wohl, dass er mein Feind war, und begriff auch das: Wollte ich dem ewigen Tod entgehen, dann müsste ich ihn niederschlagen, dann müsste es an ein Streiten gehn. Darauf betrachtete ich auch die Waffen meiner Seele; das war die erhabene Marter unseres Herrn Jesu Christi. Damit verteidigte ich mich. Da musste ich beständig in großen Ängsten leben und musste meine ganze Jugend hindurch gewaltige Abwehrschläge gegen meinen Leib führen, nämlich: Seufzen, Weinen, Beichten, Fasten, Wachen, Rutenschläge und beständige Anbetung. Das waren die Waffen meiner Seele, womit ich den Leib so sehr überwand, dass es in zwanzig Jahren keine Zeit gab, in der ich nicht müde, krank und schwach gewesen wäre, zuerst von Reue und Leid, später von heiliger Sehnsucht und frommem Bemühen, und dazu (kamen) viele Tage schwerer natürlicher Krankheit. Hinzu kam noch die übermächtige Liebe und belastete mich so sehr mit diesen Wundern, dass ich es nicht zu verschweigen wagte; da freilich fühlte ich mich in meiner Einfältigkeit sehr elend.
Mechthild bekennt sich als sündiger Mensch, schätzt ihre – nicht genannten – Verfehlungen als so schwer ein, dass sie dafür zehn Jahre Fegefeuer erhalten müsste. Doch sie steht zu ihren Sünden, sie bereut und beichtet sie. Nachdem sie von der Welt Abschied genommen hatte, das heißt, als sie zur Begine wurde, da erkennt sie ihren Leib als Feind ihres langen Weges zu Gott an, sie spricht von zwanzig Jahren, und diesen Feind muss sie „niederschlagen“ und gegen ihn kämpfen. In dieser Wortwahl Mechthilds schwingt die Schwere dieser Auseinandersetzung mit, und sie nennt Müdesein, Krankheit und Schwachheit, die ihr dabei widerfahren. Nicht nur dieser Kampf bereitet Mechthild Schwierigkeiten, auch die übermächtige Liebe Gottes und seine Wunder erfährt sie als „schwer“. Diese Wunder Gottes kann sie nicht verschweigen, daher wendet sie sich jetzt an ihren geistlichen Berater Heinrich von Halle, der sie bestärkt, ihre Erfahrungen mit Gott aufzuschreiben. Am Ende des Kapitels betont sie noch einmal sehr entschieden, dass ihr Buch von Gott und nicht von und aus ihr selbst gekommen ist, was wiederum als Verteidigung gegen die Vorwürfe zu verstehen ist.
Helmut Zimmermann
Zur Kapitelübersicht geht es HIER
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[1] Zählt man diese beiden Zeitangaben zusammen, muss Mechthild etwa 43 Jahre alt gewesen sein, als sie dieses Kapitel schrieb. Setzt man dieses Lebensalter in Beziehung zur Jahresangabe 1250 aus der Vorrede zu ihrem Buch – es ist die einzige konkrete Jahreszahl, die aus Mechthilds Leben bekannt ist – kann man ihr Geburtsjahr mit 1207 errechnen.
