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Mechthilds Herkunft


Über Mechthilds Herkunft machen weder die lateinisch-mittelniederdeutsche Vorrede Angaben, noch Mechthild selbst in ihrem „autobiographischen“, dem 2. Kapitel im IV. Buch des „Fließenden Lichtes der Gottheit“. Anhand ihrer Sprache jedoch, die viele Begriffe aus der höfischen Welt und dem Minnesang aufgreift – sie sind in ihrem Buch mehrfach zu finden –, stellt sie eine große Kenntnis dieser Gesellschaftsschicht unter Beweis. Das lässt den Schluss zu, dass sie aus einer adeligen Familie stammt und, so darf daraus gefolgert werden, eine dementsprechende, standesgemäße Erziehung mit dem Erlernen von Schreiben und Lesen erfahren hat. Vielleicht gehörte dazu auch Musizieren. Dies legen viele Textpassagen mit musikalischem Vokabular nahe.

Doch woher Mechthild genau stammt, was ihre Heimatregion ist, wird nirgends erwähnt. Ihre Bezeichnung Mechthild „von Magdeburg“ drückt lediglich aus, dass sie dort die meiste Zeit ihres Lebens, etwa vierzig Jahre, verbracht hat und wegen ihres, in theologischen Fachkreisen umstrittenen Buches, das zu großen Teilen in Magdeburg entstanden ist, Gegenstand öffentlicher Auseinandersetzungen war und deshalb wohl eine „lokale Bekanntheit“ genoss.

Anhand feinsinniger Sprachanalysen hat jedoch der Mechthild-Forscher Hans Neumann, der mehr als fünf Jahrzehnte seiner wissenschaftlichen Arbeit Mechthild von Magdeburg gewidmet hat, nachgewiesen, dass Mechthild aus der Gegend um Zerbst, westlich des Fläming, einer Landschaft südöstlich von Magdeburg, stammt.

Mechthilds weitere äußere Lebensstationen sind rasch erzählt. Etwa im Alter von zwanzig Jahren geht sie um 1230 nach Magdeburg, einer aufblühenden Stadt. Dort arbeitet sie als Begine und wählt damit eine für Frauen damals moderne Lebensform als „dritten Weg“ neben einer Existenz als Ehefrau oder Nonne. Für vierzig Jahre wird die Stadt an der Elbe ihr Lebensmittelpunkt, ehe sie sich um 1270 ins Kloster Helfta zurückzieht, wahrscheinlich, um den Angriffen gegen sie selbst und den Auseinandersetzungen um ihr Buch zu entgehen. In Helfta diktiert sie, schwer erkrankt, vielleicht sogar erblindet, das siebte Buch des „Fließenden Lichtes der Gottheit“. Hochbetagt stirbt sie 1282 oder 1294.

Das letztere Datum ist wohl das wahrscheinlichere. Man kann es aus zwei Notizen in Buch VII herauslesen. Dessen 28. Kapitel „Von der Not eines Krieges“ beginnt mit dem Satz: „Mir wurde mit heiligem Ernst befohlen, dass ich für die Not bete, die jetzt in Sachsen und den Thüringer Landen herrscht.“ (FLG VII, 28) Dieser Hinweis könnte sich auf den Einfall König Gustav Adolfs von Nassau (1255–1298, deutscher König von 1292–1298) im September 1294 in Thüringen beziehen, der das Land in Besitz nehmen wollte, das er ein Jahr zuvor Landgraf Albrecht abgekaufte hatte. Und im 41. Kapitel spricht Mechthild von einem Mann, den sie „vor vierzig Jahren“ gekannt habe und für den sie jetzt betet. Setzt man das zum Beginn ihrer Niederschrift des Buches im Jahr 1250 in Beziehung, ergibt sich das Jahr 1290.
 

Helmut Zimmermann

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