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Das Tagebuch


Mechthilds „Fließendes Licht der Gottheit“ ist wie ein Tagebuch geschrieben. Über die Niederschrift gibt es einige Hinweise in dem Buch

Die lateinisch-mittelhochdeutsche Vorrede der Einsiedler Handschrift

„Im Jahre dreizehnhalbhundert Jahre [1250] nach Gottes Geburt und danach noch fünfzehn Jahre wurde dieses Buch von Gott einer Schwester in deutscher Sprache geoffenbart; sie war eine heilige Magd [Jungfrau] an beidem, an Leib und an Geist. Sie diente Gott andächtig in demütiger Einfalt, in elender Armut, in himmlischer Schau, in bedrückender Verachtung mehr als vierzig Jahre und folgte beständig und vollkommen dem Licht und der Lehre des Predigerordens [Dominikaner] und machte von Tag zu Tag Fortschritte und vervollkommnete sich täglich.“

Die Jahreszahl 1250 ist das einzige konkrete Datum, das in Zusammenhang mit Mechthild von Magdeburg genannt wird. Von hier aus und mit der Angabe, dass sie Gott „mehr als vierzig Jahre“ gedient habe, lässt sich das Geburtsjahr der Mystikerin relativ genau auf etwa 1207/1208 festlegen. Noch eine zweite Feststellung ist aus dieser Passage zu entnehmen: Mechthild war bereits 43 Jahre alt, als sie mit dem Schreiben ihres Buches begann, wobei die Niederschrift nach der hier erfolgten Zeitangabe innerhalb von 15 Jahren etwa bis 1265 dauerte, vielleicht auch bis 1270, denn die mittelalterlichen Zahlenangaben sind lediglich als Näherungswerte zu verstehen, nicht als präzise Jahreszahlen im heutigen Sinn. Der Satz „Sie diente Gott andächtig in demütiger Einfalt, in elender Armut, in himmlischer Schau, in bedrückender Verschmähung“ ist ein kurzer Lebensabriss Mechthilds mit den wichtigsten Stationen ihres gottgeweihten Lebens, die von ihr später in verschiedenen Kapiteln einzelner Bücher des „Fließenden Lichtes der Gottheit“ ausdrücklich oder in kleinen Notizen erwähnt werden. Mechthild spricht aber von ihrem Buch, trotz der Aufteilung in sieben Bücher, immer im Singular, Ausdruck dafür, dass sie es als Einheit, als ein Ganzes, verstanden wissen will.

Dieses Buch aber stellte ein Bruder desselben Ordens zusammen und schrieb es und viel Gutes steht in diesem Buche über viele Dinge, wie es in dem Inhaltsverzeichnis aufgezeichnet ist. Du sollst es gläubig, demütig und andächtig neunmal lesen.

Dass das Buch von einem Dominikaner zusammengestellt und geschrieben wurde, bedeutet nicht, dass dieser der Verfasser des Buches ist, sondern „nur“, dass er es aufgeschrieben und redigiert hat. So stammen die Kapitelüberschriften von Heinrich von Halle wie auch die Zusammenstellung der verschiedenen Texte Mechthilds zu einzelnen Büchern.

Die Vorrede bezieht sich jedoch nicht auf alle sieben Bücher des „Fließenden Lichtes der Gottheit“. Zieht man den lateinischen Teil der Vorrede heran, wird deutlich, dass sie sich im „Index Rerum“, dem Inhaltsverzeichnis, nur auf die ersten fünf Bücher des „Fließenden Lichtes der Gottheit“ bezieht; Hinweise auf Kapitel oder Kapitelüberschriften von Buch sechs und sieben zu Mechthilds Werk fehlen hier ganz. An dieser Tatsache ist abzulesen, dass Mechthilds Buch in verschiedenen „Editionen“, mehreren Abschriften, veröffentlicht worden sein muss. Im mittelhochdeutschen Text der Vorrede ist kein Gesamtinhaltsverzeichnis angegeben, stattdessen wird auf die jedem Buch vorangestellten Inhaltsverzeichnisse, die „Tavelen“ (Tafeln), verwiesen. Dass man das Buch neunmal lesen soll, ist eine wörtliche Übernahme aus dem Vorspruch zum ersten Buch des „Fließenden Lichtes der Gottheit.“

Helmut Zimmermann

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