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Mein Freund, der Weg

In einem Brief meines Vaters aus der Kriegszeit an meine Mutter fand ich die Stelle:

„Glaubst Du, dass man auch einen Weg gern haben kann, fast möchte ich sagen, lieb haben kann? Ich tue das und so einen Weg kenne ich und ich bin ihn gegangen als kleiner Bub, auch wie ich schon groß geworden bin und ich werd’ ihn noch oft gehen.“

-  Nun, er ist im Krieg gefallen, 61 Jahre danach habe ich die Eiche gefunden und bin den Weg gegangen, freundschaftlich.


 Willi Lambert S.J.



Spaziergang–Beten


Ob Ihnen schon einmal der Begriff „Promenadologie begegnet ist? Der sich als „Spaziergangwissenschaft“ definierende Forschungszweig dürfte den meisten unbekannt sein. Der Soziologe Lucius Burckhardt hat die Promenadologie in den achtziger Jahren ins Leben gerufen. Vielleicht genügt der Aufsatztitel „Warum ist Landschaft schön? Spaziergangwissenschaft“, um ein wenig ahnen zu lassen, inwiefern Promenadologie, oder besser das Promenieren, dass Spazierengehen mit einem spirituellen Geschehen und Beten zu tun haben könnte. Die Spaziergangwissenschaft untersucht Vorgänge wie die Schnelligkeit der Bewegung, die unsere Beziehung zu Landschaft, zu Gegend, zu Menschen verändert. Es macht einen Unterschied, ob ich eine Landschaft überfliege, sie mit dem Auto durchrase, mit dem Fahrrad oder per Jogging durchgleite oder im sonntäglichen Spaziergängertempo. Die Erfahrung des Geschwindigkeitsrausches ist nicht unbedingt die der Wahrnehmung von Schönheit.

Im Nachgehen geht einem manches nach

Es fing mit der Nachfolge Jesu an, ganz konkret, erdig-irdisch. Menschen sind mit Jesus gegangen und hinter ihm her. Besonders Beharrliche hat man Jünger und Jüngerinnen genannt. Solche, die jeden Weg mit ihm gingen. Was blieb ihnen beim Nachgehen denn anderes übrig, als unterwegs nachzudenken, zu sinnieren? Sie konnten wie Maria „im Herzen bewegen“, was sie erlebt, gesehen und gehört hatten. Und sie mussten sich gar keine Zeit eigens zum Meditieren heraussuchen. Die hatten sie übergenug zwischen Nazareth und Naim, zwischen Tiberias und Kafarnaum, auf dem See, auf Wüstenwegen und Trampelpfaden. Manchmal, so heißt es, drehte Jesus sich um; weil er sensibel ahnte, was in den Seinen vor sich ging; oder weil starker Rückenwind ihm die Worte der Leute ans Ohr trug. Dann konnte er fragen. „Wie geht’s euch beim Gehen? Was geht in Euch vor? Worüber redet ihr?“ Oder er konnte stehen bleiben und sagen: „Schaut, schaut die Lilien – sind sie nicht schöner als all die Haremsdamen von Salomo zusammengenommen?“ Womit er vermutlich nicht den Haremsdamen eines auswischen, sondern die Seinen auf die Transparenz aller Dinge für Gottes Herrlichkeit hinweisen wollte. Dafür muss man aber langsam gehen. Und manchmal stehen bleiben. Schauend, atemlos, staunend. Und da kann auch einmal in einer Stimmung die göttliche Stimme verlauten.

Ich gehe, wenn ich gehe

In einer Weisheitsgeschichte wird ein Weiser wird gefragt, was denn das Geheimnis seines Lebens sei. Er antwortet mit dem Satz: Ich gehe wenn ich gehe und ich sitze, wenn ich sitze. Da sagen die Leute: Na, das tun wir ja doch auch alle. Nein, so der Weise, wenn ihr geht, dann seid ihr schon am Ziel und wenn ihr sitzt, dann wollt ihr schon wieder aufstehen. – Damit ist gesagt: Lebe ganz in der Gegenwart, beispielsweise, wenn Du gehst, dann gehe! -
Wie gehen wir, wenn wir gehen? Wie Flüchtlinge? Wie nachjagende Häscher? Zustürzend auf… wie Süchtige? Immer im selben Kreis um... herum? Suchend und forschend? Tanzend und springend? Miteinander im Gespräch? Ganz allein? Mit jemanden in die gleiche Richtung gehend und schauend? In den Fußspuren von…? – Könnte man nicht sagen: „Sage mir, wie du gehst und mit wem du gehst, und ich sage dir, wer du bist?“ Wer bin ich dann, so gesehen? – Als einmal indische Christen einen europäischen Priester über den Dorfplatz zur Kirche eilen sahen, sollen sie gesagt haben: „Das kann kein heiliger Mann sein…“

Unsere Schritte zu zählen, lehre uns

Es ist überzogen, wenn der Religionsphilosoph Pascal einmal sagt, es gebe kein Problem, das sich nicht im Gehen löse. Aber eine tiefe menschlich-spirituelle Wahrheit steckt darin. Warum nehmen Wallfahrten zu, während die Teilnahme an sonst fast allen kirchlichen „Aktivitäten“ eher abnimmt? Warum findet der alte Jakobsweg einen sprunghaften Zuspruch und wird das Buch „Ich bin mal-weg“ von Kerkeling über seinen Jakobsweg, zum Bestseller? Gehen, stille werden, nachdenken, Verdrängtes da sein lassen, Gottes Spuren im Herzensstaub suchen. Auf diese Weise findig sein und fündig werden, das kann „es“ bringen. – Eine geistliche Übung – in Exerzitien oder „einfach so“ - kann darin bestehen, so viele Schritte zu machen, wie jemand Jahre zählt; ein paar noch vorher und einige Schritte noch danach bis über ihr vermutliches Sterbealter hinaus. Ganz langsam. Einmal und mehrmals. Vielleicht bei manchem Schritt innehalten. Da kann passieren, was im Psalm 90 steht: „Unsere Tage (und Schritte) zählen lehre uns Herr, damit wir ein weises Herz gewinnen…“ (Ps 90,12).

 Willi Lambert S.J.