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Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können

Wie sich unser Beten mit dem Geist Gottes in uns verbindet, beschreibt Paulus im 8. Kapitel des Römerbriefes:
„So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen. Der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können.“ Vers 26

Der Geist betet in uns mit unaussprechlichem Seufzen
Die wenigen Zeilen aus dem Römerbrief, die wir gehört haben, bergen eine Fülle von Botschaften an uns. Sie sprechen von unserem Leben, von unserem Beten und vom Geist Gottes, der in uns betet mit unaussprechlichen Seufzern.

Unsere Schwachheit ist angenommen

Die erste Botschaft können wir dem Satz entnehmen: „Der Geist nimmt sich unserer Schwachheit an.“ Nichts gegen Ermutigungen wie: Zeig, was Du kannst! Trau Dir was zu! Sei, die Du bist! Ermutigung zum Sein. Das ehrt den schöpferischen Gott des Lebens.
Aber klingt nicht auch etwas Schräges in Formulierungen wie: Sei kein Schwächling! Indianerherz kennt keinen Schmerz! Bloß keine Schwäche zeigen, das könnten andere ausnutzen. Leiste was, dann bist Du was. Oder wie es im Alten Testament einmal steht: „Unsere Stärke bestimmt, was Recht ist!“ – Ist dies dann nicht schon unmenschlich? Gehört es zum Menschen nicht ganz wesentlich, seine Grenzen und Schwächen zuzulassen und zuzugeben. Ist nicht der in Wirklichkeit schwach, der alles zugeben kann, nur seine eigenen Schwächen nicht?
Gottes Geist verachtet uns in unseren Schwächen nicht.
Vielmehr be-achtet Er sie. Er nimmt sich ihrer an. Er nimmt sich unserer an. Er nimmt sich unserer an in unserer Orientierungslosigkeit. In unseren moralischen Schwächen. In unserer Krankheit. So sehr nimmt er sich unserer Schwachheit an, dass Paulus, der gewiss kein Schwächling war, einmal schreibt: „Der Geist kommt in meiner Schwachheit zur Vollendung“. - Der Geist lädt uns ein, nicht unsere Schwäche zu verleugnen. Und er lädt uns ein, die andern Menschen in und mit ihren Schwächen anzunehmen.

Wir wissen nicht, wie wir richtig beten sollen
Vielleicht gehört zu den größten Schwächen, die wir erfahren, unser Beten. Da sind nicht nur die „Zerstreuungen“, die wir vielleicht manchmal in der Beichte erwähnen. Da kommt es nicht nur vor, dass uns manche Gebete, die wir früher, als Kind, gelernt haben, nicht mehr so richtig ansprechen und wir ihnen entwachsen sind. Nein, schlimmer ist, dass wir manchmal wie gegen eine Wand zu beten scheinen. Wir kommen uns vor, wie wenn wir ein Telefon zu Gott hin hätten, das nur eine Sprechmuschel, aber keine Hörmuschel hat oder nur eine, aus der ein fernes Rauschen kommt. Wie soll man richtig beten, wenn so viele Gebete unerhört geblieben sind? - Zeigen nicht auch die Versuche vieler Menschen, neue Weisen der Meditation zu finden, eine Gebetsnot unseres Betens?
Was soll es schließlich heißen, wenn jemand wie Paulus, den man nun gewiss zu „den großen Betern“ zählen kann, schreibt, wir wüssten nicht wie und worum wir beten sollen. – Ist dies nicht bestürzend? Oder ist es nicht auch schon zugleich ein Trost: Wenn uns das Beten schwer fällt, sind wir nicht in der schlechtesten Gesellschaft.  Dies sich zuzugeben, kann schon eine große Frucht der Wahrhaftigkeit schenken: Befreiung. Dies wäre auch ein sozusagen ökumenischer Vorgang: Martin Luther sagte einmal, man solle beim Beten wenigstens Gott nicht anlügen. – Die Wahrheit macht euch frei, sagt die Schrift.

Im und mit dem heiligen Geist seufzen
Der tiefste Trost in unserem kleinen Text ist wohl die Aussage: Der Geist selber tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen. Was für eine Wort; was für ein Gedanke; was für eine spirituelle Perspektive: Der Heilige Geist selber seufzt in uns. Der Heilige Geist selber betet und bittet in uns.  Wenn dies zutrifft – und das dürfen wir als glaubende Menschen annehmen -, dann hieße und heißt dies doch: Wir dürfen uns dem Seufzen des Geistes in uns überlassen. Unser eigenes Seufzen ist getragen vom Seufzen des Heiligen Geistes. Dann könnten wir also unser Seufzen gleichsam wie unseren Atem in einen  großen Sturm, in den Gottessturm hinein geben. Oder auch leise unser Weinen von den Gotteswassern in unserem Innern weiter tragen lassen. – Ich erinnere mich an alte Andachtsbücher, in denen manchmal stand: „An dieser Stelle lasse man einen Seufzer“. Sozusagen eine Aufforderung an die Unsensiblen gesagt, die nicht spüren, dass hier ein mitempfindendes, empathisches, leises Seufzen die passende Reaktion wäre.
Manchmal empfehle ich in Exerzitien, sich hinzusetzen oder hinzulegen und einfach zu seufzen; so wie es gerade kommt. Ohne bewusst etwas ausdrücken zu wollen. Es ist so viel Seufzen in den Archiven unserer Seele gelagert. Eigene Not und Not mit der Not der Welt. Wir können uns selber von den Lautfolgen, von den Höhen und Tiefen, überraschen lassen.

Das Ach-Gebet
Den Übergang vom wortlosen Seufzen zum Wort, zur Sprache bildet das Laut-Worte: „Ach“. Wie viel drückt sich in ihm aus. Manchmal wird das Gemeinte in Worte gefasst, nach dem das Vorzeichen des „Ach!“ gesetzt ist:
Ach – wie lange noch? Ach – hätte ich doch…! Ach würdest Du doch…!
„Ach, neige Du Schmerzensreiche…“ – so betet Gretchen in Goethes Faust zu Maria. Und Moses schreit im Buch Numeri zu Gott nach Heilung, als seien Schwester Mirjam vom Aussatz befallen ist: „Ach Herr, heile sie doch!“ (Num 12,13) - Und wie mag sich Jesus angehört haben, wenn er im Ölgarten zu seinem Vater rief?!
Ob die Frucht unseres Ach-Gebetes nicht manchmal sein kann, was ein knackiger Buchtitel sagt: „Frisch geklagt ist halb gelitten!“ Jedenfalls ist ein vom Geist inspiriertes Ach-Gebet etwas anderes als ein „ewiges Gejammere.“

Beten in Moll und Dur
Das Beten im „Ach“ kann von Moll zu Dur wechseln; vom Seufzen zum Jubeln. Der Geist seufzt nicht nur in uns, er jubelt auch in uns. - Im Sterben des heiligen Ignatius scheint dies ganz nahe beieinander gewesen zu sein. Das Letzte, was der Krankenbruder in der Nacht seines Sterbens hörte, war der wiederholte Stoßseufzer „Ay Dios. Ay Dios“, „Ach Gott, Ach Gott“. War es ein Seufzen im Schmerz? Oder war es schon ein staunendes Wahrnehmen der Gottesherrlichkeit: Ahh: Gott!“ – Es mag beides gewesen sein. Wir dürfen es getrost dem Heiligen Geist überlassen, er in uns lebt und atmet und seufzt und jubelt.  - Amen.

Willi Lambert