- 1: Wochenimpuls.
- 2: Foto-Impuls.
- 3: Mit Kindern beten.
- 4: Über das Beten.
- 5:
Beten konkret.- 5.1: Morgengebet.
- 5.2: Spaziergangs-Beten.
- 5.3: Abendgebet.
- 5.4: Körper-Haltungen.
- 5.5: Herz ausschütten.
- 5.6: Pausen zum Beten.
- 5.7: Stille.
- 5.8: Beten im Aufwind.
- 5.9: Der Geist in uns.
- 5.10:
Seelen-Nebel-Gebet. - 5.11: Seufzend beten.
- 5.12: "Handlicher Gott".
- 5.13: Bibel 1.
- 5.14: Bibel 2.
- 6: Ignatianisch beten.
- 7: Schönstatt.
- 8: Gebetsapostolat.
- 9: Beten Postmoderne.
- 10: Mechthild von Magdeburg.
- 11: Gebete.
- 12: Gebetskarte.
Seelen-Nebel-Gebet
Nebelschwaden
Dem Ausdruck liegt ein Bild zugrunde, das man manchmal bei einer entsprechenden Temperatur sehen kann: Nebelschwaden – manchmal vom Morgenlicht durchflutet - dampfen aus einem frisch gepflügten Acker nach oben. Allmählich wird der Blick freier. Man könnte auch das biblisches Bild verwenden, das der Beter gebraucht, wenn er davon spricht, sein Gebet möge wie Weihrauch vor das Angesicht Gottes steigen. Diese beiden Bilder können dazu dienen, einen Bewusstseinsvorgang zu veranschaulichen, der dem in der Psychotherapie ähnlich ist, wenn jemand vor dem Therapeuten all seine Gedanken und Gefühle und Wünsche dasein lässt.
So kann man sich auch bei einem sehr herz-lichen Beten auf die „Gebetscouch“ hinlegen und alles ins Bewusstsein kommen lassen, was kommen will: Alle Erlebnisse, alle Gedanken, alle Fragen, alle Empfindungen, alles. Und man braucht dann die Endstation nicht das eigene Bewusstsein sein zu lassen, sondern kann alles weiter durchlassen, in jenes absolute „Geheimnis, das wir Gott nennen“ (K. Rahner) und von dem wir glauben, dass es reine, unendliche Liebe ist.
Man kann auch sozusagen die eine oder andere Furche im Seelenacker aufpflügen, z.B. mit einer Frage: „Wann spüre ich Gott eigentlich nahe oder ferne?“, Was erfüllt mich mit Angst?“, „Was gibt mir Freude und Dankbarkeit“, „Wer bin ich denn?“, „Wo begegne ich dem Evangelium Jesu?“ usw.
Man kann solches Beten durchaus als eine Art therapeutisches Beten verstehen. Mit dem Vorteil, dass es kein Geld kostet und wir Gottes Geist uns vielleicht noch mehr und leichter anvertrauen können als „irgendeinem“ Therapeuten.
Normalerweise wird man bei solchem Beten die biblisch-therapeutische Erfahrung machen, dass Wahrheit frei macht: „Die Wahrheit wird euch frei machen.“ (….) Wenn man dies leicht und leise geschehen lässt und nicht sich selber zerdenkt und gewaltsam „anzapft“, dann braucht man keine Sorge haben, sich selber zu überfordern; es sei denn, man ist sowie sie in einer schweren seelischen Krise.
Du kennst mich und durchschaust mich
Solches Beten ist ein Beten im Sinn und Geist des Psalm 139.
„Herr, du hast mich erforscht, und du kennst mich. Ob ich sitze oder stehe, du weißt von mir. Von fern erkennst du meine Gedanken.
Ob ich gehe oder ruhe, es ist dir bekannt: du bist vertraut mit all meinen Wegen.
Noch liegt mir das Wort nicht auf der Zunge -, du, Herr, kennst es bereits.
Du umschließt mich von allen Seiten und legst deine Hand auf mich.
Zu wunderbar ist für mich dieses Wissen, zu hoch, ich kann es nicht begreifen.
Wohin könnte ich fliehen vor Deinem Geist, wohin mich vor deinem Angesicht flüchten?
Steige ich hinauf in den Himmel, so bist du dort; bette ich mich in die Unterwelt, bist du zugegen.
Nehme ich die Flügel des Morgenrots und lasse mich nieder am äußersten Meer,
auch dort wird deine Hand mich ergreife und deine Rechte mich fassen.
Würde ich sagen „Finsternis soll mich bedecken, statt Licht soll Nacht mich umgeben“, auch die Finsternis wäre für dich nicht finster,
die Nacht würde leuchten wie der Tag, die Finsternis wäre wie Licht.
Denn du hast mein Inneres geschaffen, mich gewoben im Schoß meiner Mutter.
Ich danke dir, dass du mich so wunderbar gestaltet hast. Ich weiß: Staunenswert sind deine Werke.
Als ich geformt wurde im Dunkeln, kunstvoll gewirkt in den Tiefen der Erde, waren meine Glieder dir nicht verborgen.
Deine Augen sahen, wie ich entstand, in deinem Buch war schon alles verzeichnet,
meine Tage waren schon gebildet, als noch keiner von ihnen da war. …
Erforsche mich Gott, und erkenne mein Herz, prüfe mich und erkenne mein Denken!
Ganz schön…
Die – nicht fromm erfundenen – Nachfragen eines Kindes mögen die Ambivalenz des Psalms deutlich machen: „Oma, sieht einen der liebe Gott immer?“ – „Ja, der liebe Gott sieht einen immer!“ – „Auch in der Nacht?“ – „Ja, der liebe Gott sieht einen auch in der Nacht!“ – „Ganz schön blöd manchmal…“.
Erlauben wir es uns als Erwachsene, auch ehrlich kindlich zu sein? Erlauben wir es uns, vor Gott „frei zu assoziieren“ und „Seelennebel“ wie „Weihrauch“ aufsteigen zu lassen? Erlauben wir es uns zu glauben, dass wir mit unseren Schattenseiten vor unserem Gott-Therapeuten da sein dürfen, aber auch mit dem Glaubens-Wissen: „Du hast uns wunderbar erschaffen!“ Sich dem anvertrauen, der mit all unsern Wegen vertraut ist!
Willi Lambert S.J.
