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Beten mit dem „handlichen Gott“



Der Abschiedsbesuch bei der Kranken war bewegend: Eine Schwester, die viel für den Aufbau der Hospizarbeit getan hatte, stand auf einmal auf „der anderen Seite“, wie sie sagte: Sie hat Krebs und geht bewusst auf das Sterben zu. Manchmal könne sie nur noch „das Fingerkreuz“ mit ihren Händen umfassen. Das Fingerkreuz ist ein handgroßes, überall abgerundetes Holzkreuz. Es wird in einer Einrichtung der evangelischen Diakonie in Rensburg Eckernförde für Menschen mit Behinderungen hergestellt.
Zum Verstehen des Sinnes und zum Gebrauch wird mit den Worten eingeladen: „Das Fingerkreuz ist ein greifbares Zeichen der Hilfe und des Trostes. Nehmen Sie dieses Fingerkeuz in die Hand, probieren Sie die richtige Lage aus; legen Sie Ihre Finger um das Kreuz und schliessen Sie Ihre Augen. Halten Sie es schweigend oder beim Gebet in der Hand; finden Sie Halt. Geben Sie es jemandem als wortloses Zeichen der Gemeinschaft und Liebe Christi in die Hand. Mögen Sie Trost, Zuversicht, Freude und Angenommensein verspüren!“ - In diesem Zeichen und Geschehen ist viel ausgedrückt von einer „Greifbarkeit“ Gottes in einer Atmosphäre des betenden Anvertrauens. Gott ist in gewissem Sinn „handlich“ geworden, ohne einfach handhabbar zu sein. Er gibt sich in unsere Hand. Er gibt uns die Hand.

Kann man nicht sagen: Christus ist die ausgestreckte Hand Gottes?

In allen Religionen wird die Unbegreiflichkeit Gottes und auch die Sehnsucht nach seiner Greifbarkeit ausgedrückt: Gebetsschnüre, zwischen die Ritzen der Klagemauer gesteckte Gebetszettel, Weihwasserbecken, Gebetmühlen, Rosenkränze, Weihrauchkörner, Gebetsräume, Kerzen, Kirchtürme. Alles sind sinnenhafte Zeichen, Erinnerungen, Fingerzeige göttlicher Nähe.
Das Kontaktieren kann mit den Händen geschehen, aber auch mit allen anderen Sinnen, besonders mit den Augen.  Die ganze religiöse Bilderwelt von den großartigsten Gemälden und Ikonen bis zum kitschigsten Andachtsbildchen geht von diesem „Augenkontakt“ aus.

Welche Botschaften nehme ich damit auf?


Papst Johannes XXIII. zeigte auf seinem Sterbebett auf ein Kreuz ihm gegenüber und sagte: Dies sei das letzte, das er am Abend sehen und was ihn am Morgen als erstes begrüße. Teresa von Avila hatte in ihrem Brevier einen Zettel liegen mit dem berühmt gewordenen: „Nichts soll dich ängstigen, nichts dich erschrecken. Alles geht vorüber. Gott allein bleibt derselbe. Alles erreicht der Geduldige, und wer Gott hat, der hat alles. Gott allein genügt.“  – Von solchen Erfahrungen ausgehend kann man sich fragen, wie man solche Hilfen nutzen kann.

•    Welches Bild mit einer religiösen Botschaft hängt in meiner Wohnung?

•    Welches Lesezeichen will mich an etwas erinnern?

•    Welche Postkarte in der Bibel spricht zu meinen Augen?

•    Ist das Kreuz am goldenen Kettchen für mich ein schöner Schmuck oder auch Ausdruck meines Glaubens, der sich auf Kreuz und Auferstehung gründet?

•    Kann der Rosenkranz in der Tasche mir beim Spazierengehen, bei der Fahrt mit der Straßenbahn, vor und zum Einschlafen Gebetshilfe sein?

•    Höre ich täglich ein kleines Musikstück, das mir viel sagt, oder summe ein Lied?


Solches sinnenhafte Beten zeigt sich vielleicht am eindrücklichsten in dem Brauch, einem Verstorbenen in die gefalteten Hände ein Kreuz gegeben wird. Vielleicht sagt dies ohne Worte:

„Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und Deine Auferstehung preisen wir, bis Du kommst in Herrlichkeit.“Oder auch: „Halte mich, ich halte Dich!“Willi Lambert SJ