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Beten im Aufwind


Vom Aufwind getragen

Ein gelernter Segelflieger würde es wahrscheinlich exakter beschreiben, aber selbst ein Fliesenleger weiß wohl, dass ein Segelflugzeug Auftrieb braucht. Warme Winde, Thermosäulen, die in die Höhe wirbeln, ermöglichen es, aufzusteigen. Wenn der Segler dann aus der Auftriebzone herauskommt, kann er noch lange dahinschweben; freilich muss der Pilot Ausschau halten, wo er eventuell neu ins Aufsteigen kommen kann. So etwas gibt es auch im Gebetsleben, den Aufwind des Heiligen Geistes. Genauso wie es auch umgekehrt Strudel gibt, die nach unten ziehen.

Was können spirituelle Aufwinde sein? Ein gutes Wort von jemandem; eine tiefe und klare Einsicht, die man gewonnen hat; ein „ganzer Christbaum“, der einem aufgegangen ist; eine innere Berührung im Gebet, eine Hoffnung, die man sozusagen nicht mehr losbekommt; eine starke Motivation, die man verspürt; ein Wunsch, der einen nach vorne drängt; ein Erlebnis, das einem Mut zum Leben schenkt. All dieses spirituelle Geschehen kann als ein Kommunizieren mit dem Geist Gottes angesehen und damit als eine der vielen Weisen des Betens verstanden werden. Kennzeichnend ist, dass es sich nicht nur einen kurzen Gedanken, einen schnellen Impuls handelt, wie beim sog. „Stoßgebet“, sondern um eine innere Anregung, „Anmutung“ sagte man früher öfters, die einen längere eine Zeit begleitet.

Beispielsweise…

Was können solche Aufwinde, solch geistlicher Rückenwind sein? Einige Zeugnisse:
•    Der Anblick der herbstlichen Bäume auf dem großen Ahornboden hat mich etwas von der Herrlichkeit des Gottes der Schöpfung ahnen lassen und mich während der ganzen Tage und lange nachher noch begleitet.
•    Als ich wieder einmal und zum hundertsten Mal traurig und mutlos war, weil ich immer an die gleichen Grenzen bei mir stieß, hörte ich innerlich ganz leise und klar die Evangeliumsworte: „Mein Vater und ich sind am Werk!“ Und: „Ich bin noch lange nicht fertig mit Dir.“ Das erfüllt mich seit Wochen mit Freude und ermutigt zum Leben.
•    Im Traum sah ich auf eine Wand geschrieben: „Unvollkommen loben. Ich lobe unvollkommen Gott. Augustinuszitat“. Ich weiß zwar bis jetzt noch nicht, ob es genau ein solches Zitat gibt, aber dieses Wort kam mir oft und löste eine innere Leichtigkeit aus. Es verursachte den inneren Zuruf zu mir selber: Bleib doch nicht immer an dem „unvollkommen“ hängen, sondern schau, dass die Hauptaussage des Satzes lautet: Du darfst Gott loben, Du kannst Gott loben. Du lobst Gott. – Gott sei Dank!

Der Heilige Antonius in der Staatskanzlei

Beim ersten längeren Interview nach seiner  Wahl zum bayerischen Ministerpräsidenten fragte der Interviewer Günther Beckstein unter anderem: Was bedeutet denn die Statue des Heiligen Antonius in Ihrem Raum im Innenministerium und nehmen sie den auch in die Staatskanzlei mit? – Nun, Antonius erinnere ihn immer an die Armen und daran dass vor Gott die Armen und die Reichen die gleiche Würde hätten. Und da schaue er manchmal mitten in seinen Geschäften zur Statue hin, lasse sie das zu ihm sagen und schmunzle dann ein wenig zurück. „Danke, ich habe die Botschaft verstanden!“. Vielleicht hat sich mancher über die einfache und offenherzige Äußerung eines protestantischen Christen, der zu einer Heiligenstatute hinschaut, gewundert. Ein Beispiel dafür, dass es gut ist, sich an Wahrheiten, die zu Botschaften geworden sind, erinnern zu lassen, ist die Geschichte auf  jeden Fall. Eines ist es, Impulse, geistlichen Aufwind, spirituelle Kraft-Worte, pneumatische Thermodynamik geschenkt zu bekommen; ein anderes ist es bewusst das entfachte Feuer wach zu halten. Kleine Zeichen können der Erinnerung helfen:


•    Eine Bildkarte auf dem Schreibtisch
•    Ein Zitat am Spiegel im Bad
•    Ein Stein auf dem Bürotisch
•    Ein farbiges Band um das Handgelenk
•    Und warum nicht: Eine Antoniusstatue im Zimmer

Es heißt zwar in der Bibel „Der Geist wird euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe“ und darauf dürfen wir vertrauen; es stimmt aber auch das Wort, dass die blasseste Tinte stärker ist als das beste Gedächtnis.

Willi Lambert S.J.