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24 Stunden lang, aber…
Vor vielen Jahren befand sich auf einer frisch betonierten Steinmauer am Neckarufer in Tübingen von einem weisheitlich gestimmten Spaßvogel der Spruch eingraviert: „Jeder Tag ist 24 Stunden lang, aber verschieden breit. Das ist das Gefährliche an ihm.“ Unterschrift: “Pampelmus“. Ein Sprüchlein zum Nachdenken. Was machen wir aus der vorgegebenen physikalischen Zeit? Wie wird sie zu einer gestalteten Zeit? Zu einer Zeit, die Ausdruck der Arbeit und der Liebe am Kunstwerk unseres Lebens ist. Jeder Tag ist 24 Stunden lang, aber verschieden breit. Das ist das Gefährliche an ihm.“ Aber vielleicht nicht nur das Gefährliche, sondern auch das Interessante, das Lebendige, das Zukunftsgerichtete. Vielleicht erfüllt sich durch den Versuch, dem Tag ein Gesicht zugeben das Wort von Augustinus: „Friede ist die aus der Ordnung hervorquellende Ruhe.“

Dem Tag ein Gesicht geben

Presssack oder Profil?
Nichts gegen eine Dauerwurst oder einen Presssack. Es kommt darauf an, was drin und wie frisch er ist. Aber einen Schönheitspreis in Gestaltung gibt’s damit nicht zu gewinnen. Zwei Zipfel und zwischendrin Hineingestopftes. Als Vorbild für eine Tagesgestaltung muss das nicht ausgegeben werden.  Dieses etwas derbe Bild will zum Ausdruck bringen, dass wir vor der Entscheidung stehen, unser Tagesgeschehen tatsächlich fast unstrukturiert zusammenzupressen oder unserem Tag ein Profil, ein Gesicht zu geben. Jedes Leben zeigt, dass es  Struktur, verschiedene Muster, Gewohnheiten hat. Wir brauchen Bräuche. Feste Abläufe, Automatismen helfen uns. Und sie geben auch Freiraum für Spontaneität.

Die Grunddynamik: Immer
Das Wichtigste und Erste für die Lebensgestaltung freilich sind nicht einzelne Strukturen, Gebete usw., sondern die Grunddynamik, die Grundausrichtung unseres Lebens. Kreist es nur um sich selber? Lebt es aus einer Gottesbeziehung und Menschenfreundlichkeit? Gilt für uns das Grundbewusstsein der Apostelgeschichte: „In ihm leben wir, in ihm bewegen wir uns, in ihm sind wir.“ (Apg 17,28) Von daher soll alles durchwirkt sein, so wie vom „Sauerteig“ des Evangeliums gesprochen wird, der die Welt und das Leben durchdringt.
Der Heilige Ignatius, der ein sehr originaler, aber auch überdurchschnittlich strukturierter Mensch war, drückt diese geistliche Grunddynamik in der oft von ihm wiederholten Grundbitte aus: „Gott, schenke mir die Gnade, dass alle meine Absichten, Handlungen und Betätigungen rein auf den Dienst und Lobpreis deiner göttlichen Majestät hingeordnet seien.“ (Exerzitienbuch Nr. 46). Vielleicht ist dies nicht die Grundbitte eines jeden. Aber es kann sich lohnen, sich einmal Zeit zu nehmen für die Frage: Wenn ich nur eine einzige Bitte für die Gestaltung meines Lebens ausdrücken dürfte, welche wäre es? Was da dann kommt, könnte für lange Zeit ein ganz persönliches „Kursgebet“ sein, nämlich, um den Kurs zu halten, eine Fundament-Bitte, auf der sich am Haus des Lebens bauen lässt. Dieses Gebet, das Leben aus diesem Gebet ist so etwas Ähnliches wie das sog. „immerwährende Gebet“, weil es die Grundsehnsucht eines Menschenherzens zusammenfasst und, zumeist unbewusst, immer wieder auch bewusst da ist und das Leben ausrichtet.

Das Grundmuster: Morgens – Mittags - Abends
Ein „normaler Christ“ kann und soll nicht all die spirituellen Strukturen eines Ordenslebens übernehmen. Auch die Lebensweise des spirituell einigermaßen „weltläufigen“ Ignatius nicht in allem. Für seinen Tag, sein Leben, waren außer dem privaten Breviergebet, der täglichen Messfeier, der Stunde der Meditation, der wöchentlichen Beichte vor allem drei sozusagen natürliche Vorgaben strukturierend: Der Morgen, der Mittag, der Abend.

Das Morgen kann sozusagen das Vorzeichen für einen Tag setzen. Es ist schon wichtig, dass wir nicht „mit dem linken Fuß“ aufstehen. Wie kann man gut aufstehen? Vielleicht so: Kurz anschauen, was einem ins Bewusstsein kommt; Gott danken für die Nacht; sich auf den Tag einstellen, vielleicht mit einem Wort aus der Schrift: „Denen, die Gott lieben, gereichen alle Dinge zum Guten“ (Röm 8, 28). Ein starkes Wort. Alles, wirklich alles: Willkommenes und Bedrohliches, Licht und Dunkel, Versöhnung und Auseinandersetzung sollen mir zum Guten helfen; sollen mir einen Schritt weiterhelfen in der Schule des Lebens und Liebens. Alles ist, bevor es zu mir kommt, von Gott gesegnet und soll mir Segen bringen, damit ich ein Segen für andere sein kann.

Irgendwann in der Mittagszeit werden sich ein paar Minuten finden lassen, in denen man Zeit hat zum Aufatmen, zur ganz bewussten Kontaktaufnahme mit dem Geist Gottes, zu einer kleinen Ortsbestimmung. Wer ein Lieblingsgebet hat, kann dies durch sein Inneres hindurchziehen lassen. Oder eben einfach, ein wenig „bei Ihm und in Ihm“ verweilen, sich offen halten für Gottes Inspirationen und Ermutigungen; sich offen halten für die Menschenliebe, die den ganzen Tag angefragt und eingeladen ist, sich „auszuleben“. Wo es ein „ordentliches Mittagessen“ daheim gibt, kann auch ein einfaches Tischgebet ein Strukturelement des Tages sein.

Ein natürlicher Zeitpunkt ist sicher auch der Abend;  trotzdem ist auch da ein Beten zwischen Abendverpflichtungen, Essen, Fernsehen, Gesprächen, nicht ganz leicht zu verorten. Und doch kann es – auch das ist Erfahrung -  gehen: Auf dem Heimweg; oder die ersten Minuten im Bett oder vorher ein paar Minuten. Es braucht Phantasie und Konsequenz und Fähigkeit zu gegenseitigen Abstimmungen in einer Familie etwa. Unmöglich ist es nicht. Hier hat dann das „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“ seinen Platz.

Darüber hinaus
Natürlich gibt es Möglichkeiten, einen Tag, sein Leben noch mehr ausdrücklich geistlich, fromm, zu gestalten: Vielleicht gibt es die Möglichkeit auch einmal in der Woche eine Eucharistie zu besuchen; vielleicht gibt es die Gelegenheit zu einer „Heiligen Stunde“, in der man nicht zu sprechen ist und einen Spaziergang „ganz für sich“ macht; manche nehmen immer wieder einmal teil an Exerzitien im Alltag oder an geistlichen Wochenenden. Es wäre doch komisch, wenn wir „permanente Weiterbildung“ für wichtig hielten auf allen Gebieten – nur nicht auf der Ebene des geistlichen Lebens und Wachsens. Auch eine gute Lektüre, vielleicht vor dem Einschlafen, kann eine wichtige und interessante Hilfe sein.

Obama und das Pausengebet
Nicht uninteressant ist ein Gesprächsmitschnitt von ihm mit dem Führer der britischen Opposition, Mister Cameron. Dabei unterhalten sich die beiden, wie gefährlich es ist, sich von andern den Tag in lauter Viertelstundeneinheiten unterteilen zu lassen. Entscheidend für Führung seien Denkpausen: „Sonst fängt man an Fehler zu machen oder den Blick für das große Ganze zu verlieren. Oder man verliert das Gespür, das Gefühl…“ -  Dies gilt auch für unser Gebetsleben und für die Führung unseres Lebens. Als Ignatius von Loyola einmal gefragt wurde, wie oft man auf seinen Weg zurückschauen und vorausschauen solle, fragte er erstaunt: „Ja tun Sie das nicht jede Stunde?!“. Damit meinte er: Es braucht sozusagen immer das Spiel von Kurshalten, Ortsbestimmung, Kurskorrektur, Fahrgefühl, Zielausrichtung. Dies gilt für einen Kraftfahrer genauso wie für den Kapitän eines Schiffes oder eines Unternehmens. Auch für das Unternehmen eines spirituell gestalteten Lebens. Zur Lebensklugheit gehört es, die kleinen Pausen zu nutzen: In der Straßenbahn,  auf dem Weg zu einem weiter entfernten Kopierapparat, ein paar längere Blicke durchs Fenster usw. Not, auch Lebensnot macht erfinderisch.

Willi Lambert S.J.