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Am Abgrund



Die Versuchung zum Selbstmord


Man kann von der Spiritualität und vom Beten des Ignatius nicht sprechen, ohne von der wohl dunkelsten Phase seines Lebens und Betens zu berichten. Er charakterisiert sie mit den Worten: „Es kamen ihm oftmals heftige Versuchungen, sich durch ein großes Loch zu stürzen, das sich in seiner Zelle neben dem Ort befand, wo er immer betete.“

Dramatischer kann eine Gebetssituation kaum dargestellt werden. Ein Sprung hinein in den Absturz, in der Hoffnung, der äußere Abgrund möge den inneren verschlingen.
Was hat Ignatius so nahe an den Abgrund geführt? Er erzählt dies in seinem „Bericht des Pilgers“ als eine Zeit furchtbarster Skrupel. Er fühlte sich von schrecklichen Gewissensbissen und einem nicht enden wollenden Schuldbewusstsein gequält. Obwohl er glaubte, nach langen Zeiten der Selbsterforschung alle Dunkelheiten und alle Schuld, die sein Leben belasteteten, im Sakrament der Beichte an Gott abgegeben zu haben, kam er doch nicht davon los. Er beichtet, weil ihm wieder und wieder neue Erinnerungen an seine Raufereien kamen, an seine massive Aggressivität, seine erotischen Abenteuer, seinen unbändigen Ehrgeiz, seinen mörderischen Ehrbegriff, der im militärischen Abenteuer auf Pamplona das Leben anderer gefährdete usw. usw.


Beten am Abgrund

Ignatius berichtet von zwei Gebeten, die ihm in dieser schrecklichen Situation immer wieder aus seinem verzweifelten Herzen aufstiegen.
Der eine Gebetsruf war getragen von dem Gedanken, dass die Selbsttötung gegen den Gott gerichtet sei, der für ihn Leben wollte: „Da er jedoch wusste, dass es eine Sünde war, sich selbst zu töten, fing er wieder an zu schreien: ‚Herr, ich werde nichts tun, was dich beleidigt.“ Kein gehauchtes Gebet in andachtsvoller Atmosphäre war dies, sondern ein einziger Aufschrei.

Und auch bei der anderen, oft wiederholten, Gebetsbitten sagt er ausdrücklich, dass er laut zu Gott aufzuschreien begann: „Komm mir zu Hilfe, Herr, denn ich finde keine Hilfe, weder bei den Menschen noch bei irgendeinem Geschöpf. Denn wenn ich dächte, sie finden zu können, wäre mir keine Mühe zu groß. Zeige du mir Herr, wo ich sie finde. Und selbst wenn ich einem Hündchen hinterherlaufen müsste, um Hilfe zu erhalten, würde ich es tun.“ - Was für eine Vorstellung: Ignatius der Adelige, der ehemalige Höfling, der Turnierfechter und Kämpfer ist so am Ende seiner Kräfte und seiner Weisheit, dass er einem kleinen Hund nachlaufen würde, wenn ihn dieser retten würde.


Der Umschwung

Was bewahrte Ignatius vor dem Sprung in den Absturz?

Er beschreibt den Abschluss dieser Phase mit den Worten:


„Am Schluss all dieser Gedanken überkam ihn ein Abscheu vor dem Leben, das er führte und zugleich ein heftiger Antrieb, es ganz aufzugeben. Damit wollte der Herr ihn wie aus einem Schlaf aufwecken. … Und so beschloss er mit großer Klarheit, von den vergangenen Dingen nichts mehr zu beichten. So blieb er von diesem Tag an frei von jenen Skrupeln und hielt es für gewiss, dass unser Herr ihn durch seine Barmherzigkeit hatte befreien wollen.“

 


Dieser „Schluss“ kann in zwei Richtungen verstanden werden: Einmal war es ein innerer Aufstand des Lebens gegen die Selbstzerstörung; eine Art spirituelles Erbrechen: So geht es nicht mehr weiter! Das ist ja zerstörend! Schluss damit!
Die Erlösung kann auch in dem Sinn verstanden werden: Ignatius hatte zuvor in seinem innersten Gott und seinen Weg mit Christus gefunden. Was da jetzt „unter dem Anschein des Guten“ – ein ganz reines Gewissen zu haben -  lief, das wurde allmählich zur Versuchung, den Christus-Weg aufzugeben, ihn also von seiner innersten Ausrichtung, seinem Lebenssinn abzubringen. Das konnte nicht vom Guten herkommen. Also, Schluss damit. Ignatius hat den innerlich erfahrenen Umschwung mit seiner eigenen klaren Entscheidung bestätigt und festgemacht. Er fühlte sich fortan frei.


Unsere Anfechtungen

Die geistliche Erfahrung von Ignatius ermutigt dazu, in keiner Situation der Verzweiflung eigenmächtig Schluss zu machen. Es mag sein, dass Gewissensskrupel genau in der Form von Ignatius nicht mehr so häufig sind als in Zeiten einer allzu engen Gewissenserziehung. Aber gibt es nicht ähnliche seelische Zwänge, die in Enge, ja Verzweiflung treiben:
Ein Perfektionismus, der das eigene Leben und das anderer in eine schreckliche Zwangsjacke steckt; Wasch-Reinigungs-Hygienezwänge, die Ausdruck tieferer seelsicher Verwundungen sein können; Hyperkultivierung von Schönheitsidealen, die eine Art säkulares Abbild von religiösem Reinheitswahn sein können; ein Moralismus, der ohne das Erbarmen von Gott und Menschen auszukommen versucht; ein Selbstbild, das sagen lässt: „Dies kann ich mir nicht verzeihen!“ usw.

Dass es möglich ist, Gott am Abgrund finden, mitten in der Anfechtung, im Kampf, in der Ohnmacht, dazu ermutigt der Weg von Ignatius. Er lädt ein, sich nicht zu genieren, wenn Beten zum Eingeständnis von Ohnmacht und Demut führt und zum Schreien werden will. Sollte ER unseren „Ur-Schrei“ nicht hören? Er der selber im gekreuzigten Jesus geschrien hat: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Und “ In deine Hände empfehle ich meinen Geist.“

Willi Lambert S.J.