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Gott ausprobieren



Der Kern: Wo „Gott sich mehr“ mitteilt


Einer der aussagekräftigsten Briefe zum Beten ist das Schreiben von Ignatius vom 20. September 1548 aus Rom an den Herzog Francisco de Borja, Herzog von Gandía und späterem Generaloberer der Jesuiten. Dort findet sich viel Klärendes zur Länge der Gebete, zum Thema Buße, zu Gebetsstufen, zum Zusammenspiel von Leib und Seele.
Die wohl wichtigste Botschaft aber findet sich in den Worten: Wenn es auch verschiedene Gebetstufen gibt, „so ist doch für jegliches Individuum derjenige Teil viel besser, wo Gott unser Herr sich mehr mitteilt.“ Dieses Wort trifft ins Zentrum. Im Beten geht es zunächst und zuletzt nur um das eine, man könnte biblisch sagen „das eine Notwendige“, um die Mitteilung Gottes. Und wie und wann sich Gott dem einzelnen mitteilt, das ist ursprünglich seiner Initiative zu verdanken.

Auf einem der Höhepunkte seines Exerzitienbuches – in der Betrachtung, um Liebe zu erlangen – bringt er zum Ausdruck, dass die Liebe darin besteht, sich einander mitzuteilen. Gott ist für ihn ein ganz und gar mitteilsamer Gott: Er gibt sich in der ganzen Schöpfung, in allen guten Gaben, in allem Befreiung und Erlösung, im Geschenk von Hoffen-Glauben-Lieben. Und darin, so Ignatius wolle Gott nur zeigen, wie der „Herr sich mir… zu geben wünscht, sosehr er kann.“ Gott gibt sich dem Menschen im Gottmenschlichen Maß, könnte man sagen.


Aufmerksamkeit auf Gottes-Kontakte

Aus dem Gesagten wird deutlich, dass nichts so wichtig und hilfreich ist auf dem Gebetsweg, als sich zu fragen und hinzuspüren:

Wo ist Gott? Wie teilt er sich mir mit?

Wann habe ich eine Ahnung von ihm bekommen?

Wann vielleicht mit ihm gekämpft?

Wie suche ich nach ihm?

Und man kann noch fundamentaler fragen:
Wer ist Gott? Wer ist Gott für mich? Als wer hat er sich mir offenbart?
Habe ich einen Namen für Gott? Oder viele?


Es kann ein etwas ungewohntes, fast frivoles, aber doch hilfreiches Experiment sein, einmal auf sein eigenes Beten zu schauen – aus der Position Gottes heraus. Wenn ich mein eigenen Beten mit seinen Ohren höre, wie muss ich da Gott vorkommen? Und wie muss Gott sich da vorkommen? Erkennt er sich in meinem Beten wieder, wie er „wirklich“ ist? Oder fragte er erstaunt: Hallo, was glaubst Du denn wer ich sei? Ein bloßer Lückenbüßer? Ein wenig interessierter Zuschauer. – Wer sich auf solches Fragen und Suchen einlässt, der befindet sich schon mindestens im Vorhof des Tempels.


Gebetswege ausprobieren

Die grundlegende Botschaft über das Beten – schaue, wo sich Dir Gott am meisten mitteilt – birgt in sich unmittelbar eine zweite: Lass Dich darauf ein, Beten auszuprobieren: „Damit nun mittels seiner göttlichen Gnade diesen Weg finden, hilft es sehr, auf viele Weisen zu suchen und zu probieren, um auf dem Weg zu wandeln, der einem mehr erläutert wird: der glücklicher und seliger in diesem Leben ist…“.

Dies kann zunächst einfach heißen, sich Fragen zu stellen wie:
Wie schaut mein Beten aus? Welche Weisen des Betens kannte ich bisher? Wie ging es mir damit? Was habe ich aufgegeben und warum? Wie wurde ich weitergeführt?


Und es können Fragen gestellt werden, die noch mehr nach vorne hin führen:
Spüre ich eine Lockung zu einer bestimmten Weise des Betens? Kam mir ein Buch in die Hand, der Prospekt zu einem Kurs zum Beten oder stieß ich auf eine Gebetsgruppe und nehme ich darin eine Einladung wahr? Es gibt viele Namen und viele verschiedene Gebetsweisen: Das gereimte Nachtgebet aus der Kinderzeit, liturgische Gebete, das Vaterunser, das Jesusgebet, Schriftmeditation, Loben-Danken-Bitten, das freie Herzensgebet, Stoßgebete, schweigendes Dasein, wortarmes Beten, Kontemplatives Beten, Atemgebet, Rosenkranz usw.
Ignatius selber war ein großer „Ausprobierer“, einer der Experimente mit seinem Leben und dem Beten machte, bzw. wahrnahm, dass etwas in ihm wachsen wollte: Er kannte natürlich alles, was üblich-katholisch war: Die Gebete der Meßfeier, Prozessionen, das Anhören des Stundengebets. Vieles ist ihm dann zugewachsen: Das Beten mit einzelnen Worten, mit dem Rhythmus des Atmens, die Schriftmeditation. Und er bezeugt viele innere Berührungen durch den Gottesgeist.


Von der „Leichtigkeit, Gott zu finden“

Ein fast atemberaubendes Zeugnis von seiner Gottessuche findet sich bei Ignatius  am Schluss seines „Bericht des Pilgers“. Wenige Jahre vor seinem Tod mit 65 Jahren erzählt er, es habe „seine Andacht immer mehr zugenommen, das heißt die Leichtigkeit, mit Gott in Verbindung zu treten, und diese sei jetzt größer als je sonst in seinem ganzen Leben. Immer und zu jeder Stunde, wann er finden wollte, könne er Ihn finden.“  Ermutigt dieses Zeugnis? Verführt es dazu, skeptisch zu denken, dies sei eben etwas für Heilige aber nicht für uns Allerweltschristen? Oder lädt dieses Zeugnis dazu ein, Gottes Nähe nicht nur im Schweren, im Gotteskampf zu suchen. Vielleicht ist er auch im Leichten? Im Leisen? In einem zarten Anhauch? Im Allerleisesten in mir? Hat er sich uns nicht schon gegeben?
Heißt Beten vielleicht auch: Lauschen auf den leisten Pulschlag des Herzens. Auf Gottes Stille in allem Lauten? – Auf jeden Fall heißt es, sich auf einem Pilgerweg zu befinden. Da kann Ignatius Begleiter sein. Er versteht etwas von Wegen, von Umwegen und Heimwegen und den Wegen Gottes. Und Christus selber ist für ihn zum WEG geworden.